Pride month und die bedrückende Lage der afghanischen LGBTQ-Community

Gastbeitrag von Ali Tavakoli 

„Selbst wenn ihr in den Himmel fliegt, werden wir euch finden.“ Diese erschreckende Drohung, die eine LGBTQ+-Person nach ihrer Flucht aus Afghanistan erhielt, verkörpert die grausame Unterdrückung, die diese Gemeinschaft unter der Herrschaft der Taliban ausgesetzt ist.

Der Pride Month auf der ganzen Welt

Der Juni ist weltweit als Pride Month bekannt – eine Zeit, in der die LGBTQ+-Community, bestehend aus Schwulen, Bisexuellen, Transgender und anderen sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten, ihre Identitäten feiert und gegen Diskriminierung kämpft. Dieser Monat dient als kraftvolle Erinnerung an den fortwährenden Kampf für Menschenrechte und den Stolz auf die eigene Individualität. Pride-Paraden und Proteste gegen Geschlechterungleichheit markieren jedes Jahr das Ende des Juni und symbolisieren die Hoffnung auf ein Ende der Gewalt und Diskriminierung gegen LGBTQ+-Menschen.

LGBTQ+- Personen in Afghanistan – verschleppt, verfolgt, gefoltert, ermordert

Während weltweit der Pride Month gefeiert wird, erleben LGBTQ+-Personen in Afghanistan extreme Gewalt unter der Herrschaft der Taliban. Nach dem Fall Afghanistan an die Taliban haben diese alle nationalen und internationalen Gesetze aufgehoben, Frauen ihrer Rechte und Freiheiten beraubt und das Leben der Hälfte der Bevölkerung durch mittelalterliche Dekrete zerstört. Die Taliban haben zivilgesellschaftliche, gewerkschaftliche und akademische Aktivist:innen durch Verhaftungen, Folter und Verschleppungen zum Schweigen gebracht.

Seit 2021 sieht sich auch die LGBTQ+-Community Verhaftungen, Folter, Vergewaltigungen, öffentlichen Bestrafungen und sogar Hinrichtungen ausgesetzt. Die extrem-islamische und sexistische Ideologie der Taliban hat die Gewalt gegen LGBTQ+-Personen verschärft. Zuverlässige Berichte zeigen, dass viele LGBTQ+-Personen auf mysteriöse Weise getötet oder verschwunden sind. Andere wurden in Gefängnissen gefoltert und sexuell missbraucht, einige zu Tode gesteinigt oder ausgebeutet. Im Juli 2021 sagte Taliban-Richter Gul Rahim der deutschen Zeitung Bild: „Wir haben zwei Strafen für Homosexuelle: entweder Steinigung oder sie müssen hinter einer Wand stehen, die auf ihre Köpfe fällt.“ Diese mittelalterliche Bestrafung wurde bereits während der ersten Herrschaft der Taliban von 1996 bis 2001 angewendet.

Im Mai 2023 veröffentlichte das Oberste Gericht der Taliban ein Video, in dem Herr Haqqani, der administrative Stellvertreter des Gerichts, die Erteilung von Dutzenden endgültiger Urteile nach „Qisas und islamischen Hudud“ ankündigte. Darunter befinden sich Steinigung und „Mord unter der Wand“, eine Strafe, die speziell LGBTQ+-Personen betrifft. Das Taliban-Gericht verhängt diese Strafe für „Ehebruch und sexuelle Beziehungen“.

LGBTQ+-Personen, zusammen mit Frauen und religiösen Minderheiten wie Ismailiten und Schiiten, sind ständiger Bedrohung durch das Regime ausgesetzt. Die Taliban, eine frauenfeindliche, homosexuellenfeindliche, queerfeindliche, cis-heteronormative und religiös voreingenommene Gruppe, betrachten die Existenz queerer, homosexueller und transsexueller Menschen als „teuflisch und sündhaft“ und reagieren auf einvernehmliche sexuelle Beziehungen zwischen zwei erwachsenen Menschen mit Peitschenhieben, Inhaftierung und Hinrichtung. In den letzten drei Jahren hat die Afghanistan Rainbow Organization dokumentiert, dass die Taliban LGBTQ+-Personen in Gefängnissen sexuell ausbeuten und schwer foltern.

Hamed und Merlin – ein LGBTQ+ Paar aus Afghanistan

Die erschütternde Geschichte von Hamed und Merlin (Namen geändert), einem LGBTQ+-Paar, das nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 in den Iran floh, veranschaulicht die Brutalität, der LGBTQ+-Personen ausgesetzt sind.

Nachdem sie illegal in den Iran eingereist sind, verbrachten sie dort mehrere Monate und wurden später von der iranischen Polizei verhaftet und nach Afghanistan abgeschoben. Nach ihrer Abschiebung nach Afghanistan kehrten die Beiden nach Kabul zurück und mieteten ein Zimmer in einem Hotel. Leider drang die Taliban gewaltsam in das Zimmer des Paares ein und schlug sie brutal zusammen, bevor sie ihnen schwarze Säcke über den Kopf zogen und ins Gefängnis brachten.

Im Gefängnis wurden die Beiden von den Taliban brutal geschlagen und sexuell missbraucht, wobei sie für die Gruppenübergriffe in verschiedene Räume getrennt wurden. Das Paar berichtete der Rainbow Organization of Afghanistan, dass sie in einer Nacht von bis zu zehn Taliban-Mitgliedern vergewaltigt wurden. Sie wurden gefesselt, mit Elektrokabeln und Peitschen gefoltert und fünf Wochen lang mit Elektroschocks traktiert. Die Taliban brachen ihnen auch einen Zahn, schlugen sie brutalst und planten, sie ohne Gerichtsverfahren hinzurichten. Mit Hilfe von Verwandten und Stammesführern wurden sie schließlich aus der Gefangenschaft der Taliban befreit und in ein Krankenhaus gebracht. Als es ihnen besser ging, setzten sie sich mit der Rainbow Organization of Afghanistan in Verbindung und bemühten sich um ihre Rettung und Überstellung nach Pakistan. Das Paar verbrachte mehrere Monate in medizinischer Betreuung in Pakistan. Sie litten unter Albträumen und Selbstmordgedanken, konnten aber später zur weiteren medizinischen Behandlung nach Deutschland überstellt werden.

Die Geschichte von Hamed und Merlin ist nicht einzigartig. Dutzende LGBTQ+-Personen wurden in Taliban-Gefängnissen gefoltert und sexuell missbraucht, viele gelten noch immer als vermisst. Drei Jahre nach der Rückkehr der Taliban werden LGBTQ+-Personen kontinuierlich identifiziert, verhaftet und öffentlich bestraft.

Verfolgung der LGBTQ+ Community in Afghanistan und Umgebung

Die Taliban nutzen den virtuellen Raum und arbeiten mit vielen radikalen Islamisten zusammen, um LGTBQ+-Mitglieder in Afghanistan zu verhaften. Gleichzeitig ist eine beträchtliche Anzahl von Mitgliedern der LGTBQ+-Community aufgrund der unsicheren Bedingungen in Nachbarländer wie den Iran, Pakistan und die Türkei geflüchtet. Leider sind sie auch in diesen Ländern der Gefahr ausgesetzt, wieder nach Afghanistan ausgewiesen zu werden. Die Situation für LGTBQ+-Personen im Iran, in Pakistan und in der Türkei ist katastrophal. Fälle wie der brutale Mord an dem Transgender Abid Transgender in Peshawar am 26.12.2023 verdeutlichen die anhaltende Gewalt, der LGTBQ+-Personen in diesen Regionen ausgesetzt sind.

Fazit: 3 Jahre Taliban und die Auswirkungen auf die LGBTQ+ Community in Afghanistan

Drei Jahre nach der Machtübernahme durch die Taliban werden LGBTQ+-Personen identifiziert und von den Taliban gefangen genommen. Sie werden in verschiedenen Provinzen Afghanistans in Anwesenheit der örtlichen Bevölkerung und der Taliban-Behörden bestraft. Während der Pride Month gefeiert wird und LGBTQ+-Personen weltweit auf die Straße bringt, um ihren Kampf gegen Diskriminierung und Ungerechtigkeit zu feiern und ihre Stimme für ihre Rechte und Freiheit zu erheben, verkündet die Taliban drei Strafurteile gegen mehrere LGBTQ+-Personen in den Provinzen Parwan und Sar-e Pol.

Jede LGTBQ+-Person, die der Homosexualität beschuldigt wird, wird von den Taliban zu 39 Peitschenhieben und einer Haftstrafe verurteilt. Neben der anhaltenden Gewalt und den strukturellen Problemen begingen einige Mitglieder der LGBTQ+-Gemeinschaft nach der Rückkehr der Taliban an die Macht Selbstmord, während andere gefangen genommen wurden. Viele LGBTQ+-Personen haben Selbstmord begangen oder sind untergetaucht, nachdem sie von den Taliban identifiziert wurden.

Aufruf an die internationale Gemeinschaft

Die Anwendung von Peitschenhieben, Folter, körperlicher Misshandlung, Inhaftierung und staatlich sanktionierten Tötungen (Hinrichtungen) von LGBTQ+-Personen, Bisexuellen, Trans-Personen und Queers in Afghanistan muss von Regierungen und Menschenrechtsorganisationen auf der ganzen Welt verurteilt werden. Darüber hinaus ist es von entscheidender Bedeutung, das Verbot jeglicher Gewalt und Diskriminierung gegen LGBTQ+-Personen in Afghanistan auf globaler Ebene zu betonen. Es muss umfassender politischer und medialer Druck auf die Taliban ausgeübt werden, um diese unmenschlichen Zustände zu beenden.

Gastbeitrag von Ali Tavakoli

Rechtsaktivist der afghanischen LGBTQ+-Community; Direktor und Gründer der Afghanistan Rainbow Organization; Rainbow Afghanistan ist Teil des VAFO-Netzwerks

*Positionen und Meinungen, die von den Organisationen oder Autor:innen geteilt werden spiegeln nicht automatisch die Meinung des Verbands wider.