Bericht über die Abschiebungen afghanischer Migrant:innen aus Tadschikistan (2024–2025)

Gastbeitrag von Sadaf Sarwary*

In den Jahren 2024 und 2025 wurden zahlreiche afghanische Migrant:innen aus Tadschikistan abgeschoben, darunter viele Personen mit gültigen Dokumenten wie UNHCR-Ausweisen, Aufenthaltsgenehmigungen oder Visa. Viele Abschiebungen erfolgten ohne individuelle Prüfung, ohne rechtliches Verfahren und ohne Zugang zu Unterstützung. Die illegalen Abschiebungen und die damit verbundenen Trennungen von Familien oder der Verlust von Besitztümern führen bei betroffenen Personen zu langfristigen Traumata.

Fälle von Afghanen, die aus Tadschikistan abgeschoben wurden (anonymisiert)

Fall 1 — „Familie Zarmena“ 

Im Falle der Familie Zarmena, betraf die Abschiebung lediglich den Vater der Familie. Obwohl er gültige Dokumente besaß, wurde er aus Tadschikistan abgeschoben. Zarmena berichtet: „Die Abschiebungen betreffen vor allem Männer. Frauen und Kinder werden seltener abgeschoben, aber Männer finden oft irgendeinen Vorwand.“

Fall 2 – „Said“ 

Said und zwei Begleiter wurden von Personen festgehalten, die sich als Polizisten ausgaben. Sie wurden zwei Tage festgehalten und mussten 2500 USD zahlen, um nicht abgeschoben zu werden. Später stellte sich heraus, dass die Täter keine Beamten waren.

Fall 3 – „Nemat“ (Vater von drei Kindern) 

Nemat wurde während seiner Arbeit verhaftet und musste zwischen „Gefängnis“ oder „Abschiebung“ wählen. Er wurde aus Tadschikistan abgeschoben, während seine Familie in Tadschikistan zurückblieb. Anschließend musste er mit hohen Kosten erneut ein Visum beantragen.

Fall 4 – „Farid und sein 15-jähriger Sohn“ 

Farid hatte eine gültige Arbeitserlaubnis, wurde jedoch wegen angeblich „illegaler Arbeit“ verhaftet. Sein minderjähriger Sohn wurde ebenfalls festgenommen. Beide wurden ohne Prüfung nach Afghanistan abgeschoben. Der Rest der Familien verblieb in Tadschikistan.

Fall 5 – „Familie Bashir“

Aus Angst vor Abschiebung verließ Bashir zwei Monate lang kaum sein Haus. Aus demselben Grund durfte sein Sohn nicht mehr zur Schule gehen.

Was sagen (internationale) Institutionen und Behörden zu den Abschiebungen aus Tadschikistan?

1. UNHCR 

UNHCR äußerte mehrfach ernsthafte Besorgnis über die erzwungenen Abschiebungen afghanischer Schutzsuchender. Sie bezeichneten diese Abschiebungen als Verstoß gegen das Prinzip des „Non-Refoulement”, dass die Rückführung von Menschen in gefährliche Situationen verbietet.

2. Regierung Tadschikistans 

Die Regierung Tadschikistans erklärte, Abschiebungen würden „im Einklang mit den Migrationsgesetzen“ durchgeführt. Jedoch werden konkrete Fragen zu Personen mit gültigen Dokumenten meist unbeantwortet gelassen.

3. Taliban 

Die Taliban bestätigten wiederholt die Rückkehr abgeschobener Afghan:innen und kritisierten Tadschikistan für mangelnde Transparenz. Gleichzeitig ist auch ihr Umgang mit Rückkehrer:innen nicht nachvollziehbar oder konsistent. Die de facto-Regierung hat bestätigt, dass im Jahr 2025 (49) afghanische Migrant:innen aus Tadschikistan abgeschoben wurden, die eigentliche die korrekten Dokumente für einen Aufenthalt hatten.

Was sagen die afghanischen Migrant:innen zu den Abschiebungen aus Tadschikistan?

Viele afghanische Migrant:innen glauben, dass die tadschikischen Behörden ihre Schutzlosigkeit ausnutzen. Sie berichten:

  • Abschiebungen zielen bewusst auf Männer ab, damit diese gezwungen sind, wieder nach Afghanistan zurückzukehren. Die Regierung Tadschikistans hat durch die illegale Abschiebung afghanischer Migrant:innen die Grundlage für Erpressung geschaffen, indem die abgeschobenen Migrant:innen gezwungen werden, ihre Visa und offiziellen Dokumente erneut zu erwerben.
  • Einige Beamte oder lokale Akteur:innen profitieren finanziell von diesem Kreislauf. 
  • Hohe Mietpreise in Städten wie Vahdat belasten Migrant:innen zusätzlich; neue Wohnblöcke wurden gezielt für afghanische Mieter:innen zu überhöhten Preisen gebaut.

Folgen der illegalen Abschiebungen afghanischer Migranten aus Tadschikistan

Menschliche und soziale Folgen

  • Familien ohne „Familienoberhaupt“: Meist werden Männer abgeschoben, sodass Frauen und Kinder ohne Schutz bleiben.
  • Verarmung und Obdachlosigkeit: Der Verlust des (zumeist) Haupternährers führt zu extremer Armut und zur Unfähigkeit, hohe Mieten zu bezahlen.
  • Ausnutzung und illegale Abgaben: erhöhtes Risiko von Bestechung, Selbstjustiz und Betrug unter falschem Namen (Polizei, Behörden).

Sicherheitsfolgen

  • Gefährdung in Afghanistan: Abgeschobene Personen können dort Sicherheitsrisiken, Verhaftungen oder Verfolgung durch lokale Behörden oder Taliban erfahren.
  • Psychologische Belastung: Angst vor Rückkehr, Unsicherheit und Trauma.

Wirtschaftliche Folgen für Migrant:innen

  • Hohe Kosten für erneute Visa und Dokumente: Abgeschobene Personen müssen erneut Visa, Aufenthaltsgenehmigungen oder zuvor beschlagnahmte Dokumente erwerben.
  • Erhöhung der Mietpreise: Neue Wohnblöcke in Städten wie Dušanbe und Waḩdat haben hohe Mieten, speziell für Migrant:innen.

 Psychologische Folgen

  • Chronische Angst und Stress: Angst vor Abschiebung, Verstecken im Haus, Einschränkung von Mobilität.
  • Auswirkungen auf Kinder: Schulverweigerung, psychische Belastung und familiäre Spannungen.

Rechtliche und internationale Folgen

  • Verstoß gegen internationale Konventionen: Abschiebungen trotz gültiger Dokumente oder als anerkannte Flüchtlinge verletzen:
  • Genfer Flüchtlingskonvention 1951
  • Prinzip des Non-Refoulement (Nicht-Zurückweisung in Gefahrensituationen)
  • Imageverlust und Druck durch internationale Institutionen: UNHCR, EU und Menschenrechtsorganisationen werden auf die Praxis aufmerksam.

Schlussfolgerung und Einschätzung

Aufgrund der angespannten Beziehungen zwischen Pakistan und Afghanistan gilt Tadschikistan als Transitstaat für Menschen aus Afghanistan, die auf ein legales Schutzverfahren mit langfristiger Perspektive in einem sicheren Land hoffen.

Die jüngsten Abschiebungen, insbesondere die gezielte Trennung von Familien durch die Abschiebung männlicher Angehöriger, stellen eine schwerwiegende Verletzung der Menschenrechte dar. Die Kombination aus administrativer Intransparenz, wirtschaftlicher Ausbeutung und zunehmender Unsicherheit für afghanische Migrant:innen erfordert internationale Aufmerksamkeit.

Die Vorgänge verstoßen eindeutig gegen internationale Menschenrechtsstandards sowie gegen geltende Migrationsnormen weltweit. Das Schweigen der internationalen Gemeinschaft begünstigt zudem den Machtmissbrauch durch Aufnahmeländer. Daher appelliere ich als Teil der Afghanistan-Diaspora in Deutschland an die internationale Gemeinschaft, insbesondere an die deutsche Bundesregierung und die Zivilgesellschaft, sich auf internationale Migrationsnormen zu berufen und Gastgeberstaaten, insbesondere Tadschikistan, zur Einhaltung des internationalen Migrationsrechts zu verpflichten und die Beendigung illegaler Abschiebungen sicherzustellen.

*Positionen und Meinungen, die von den Organisationen oder Autor:innen geteilt werden spiegeln nicht automatisch die Meinung des Verbands wider. 

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